Der erste Eindruck #001

Tja, nun ist es wieder so weit; die Prüfungen stehen vor der Tür und das Lesen muss notgedrungen in den Hintergrund rücken. Ich wäre jedoch nicht ich, wenn ich meine Nase nicht gelegentlich doch in ein studienfernes Buch steckte. „Schiller: oder die Erfindung des deutschen Idealismus“ von Rüdiger Safranski erweist sich dies bezüglich jedoch als echter Glücksgriff. Aufgrund des Anspruchs, den diese Biographie an ihre Leser stellt, entwickelt sie zu keinem Zeitpunkt den Sog eines waschechten Pageturners und hält mich folglich auch nie lange von Marketing oder Finanzen fern. Daraus abzuleiten, dass das Buch schlecht wäre, ist jedoch falsch. Tatsächlich schreibt Safranski so intelligent und eloquent von Friedrich Schillers Leben, dass man sich für vieles, was heute in deutschen Zeitungen und Büchern steht, zu schämen beginnt. Sätze, geschliffen wie Diamanten, führen einen durch das interessante Leben dieses „teutschen Shakespeare“, ohne dass auch nur ein Funke Langeweile aufkommt.

Ob die übrigen 400 Seiten an den Anfang anknüpfen können, muss sich natürlich zeigen. Doch bislang bin ich sehr froh, mir diese Biographie gekauft zu haben.

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84 Charing Cross Road

Helene Hanff: 84 Charing Cross Road

Sphere; 230 Seiten

Klappentext: “In 1949 Helene Hanff, ‘a poor writer with an antiquarian taste in books’, wrote to Marks & Co, Booksellers of 84 Charing Cross Rd, in search of the rare editions she was unable to find in New York. Her books were dispatched with polite but brisk efficiency. But, seeking further treasures, Helene soon found herself in regular correspondence with bookseller Frank Doel, laying siege to his English reserve with a warmth and wit. And, as letters, books and quips crossed the ocean, a friendship flourished that would endure for twenty years.”

Und so war’s: Noch nie war es so einfach im Ausland einzukaufen wie heute. Die italienischen Schuhe und der schicke, nur in den Staaten erhältliche Nagellack sind heute keinen Shoppingtrip sondern nur noch wenige Onlineminuten von uns entfernt: Ich klicke ein paar Mal, fülle zwei, drei Formulare aus und schon war ich am anderen Ende der Welt einkaufen, ohne auch nur das Haus verlassen zu haben.

Ende der Vierziger war das noch anders. Damals hätte ich wenigstens zum Briefkasten gehen müssen, um meine Anfrage zu verschicken. Jedenfalls ist das der Weg, den Helene Hanff, „a poor writer with an antiquarian taste in books“ (S. 1), beschreitet, um sich ihre literarisch-antiquarischen Wünsche zu erfüllen. Da „all the things I want are impossible to get over here except in very expensive rare editions, or in Barnes & Noble’s grimy, marked-up school-boy copies”, wendet sie sich hilfesuchend an das Antiquariat Marks & Co in London. “I enclose a list of my most pressing problems. If you have clean secondhand copies of any of the books on the list, for no than $5.00 each, will you consider this a purchase order and send them to me?” (S. 1), schreibt die in New York lebende Helene in ihrem ersten Brief an das Antiquariat – und hat Erfolg. Denn nur drei Wochen später erhält sie eine Büchersendung sowie einen beigelegten Brief von Frank Doel, dem Chief Buyer von Marks & Co, der sich fortan um jede von Helenes Bestellungen kümmern wird – und das etwa zwanzig Jahre lang.

Wie aus dieser Geschäftsbeziehung nach und nach eine Freundschaft wird, lässt sich anhand der kurzen Briefe, die Frank und Helene immer wieder austauschen, wunderbar nachempfinden. Obwohl die wachsende Vertraulichkeit nur selten ausdrücklich thematisiert wird (z.B. durch die Bitte, eine andere Anrede zu verwenden), hat man stets das Gefühl Zeuge einer Entwicklung zu sein. Diese vollzieht sich zwar nur sehr langsam, ist aber meines Erachtens in jedem Brief festzustellen.

Ähnlich verhält es sich mit den Personen, denen man in „84 Charing Cross Road“ begegnet: Aus Unbekannten werden  dank nur weniger Sätze Menschen aus Fleisch und Blut, die einem zunehmend ans Herz wachsen. Der literarische Vorschlaghammer bleibt dabei stets außen vor. Was wir über die Personen erfahren, geschieht nahezu ausschließlich mit Hilfe indirekter Charakterisierungen. Nirgendwo steht „Ich bin höflich“ oder „Ungeduld war schon immer eine Schwäche von mir“. Fast alles, was wir zu wissen glauben, sind Annahmen, die auf Basis der kurzen Briefe getroffen werden können. Freunde von blumigen Beschreibungen sollten sich daher zwei Mal überlegen, ob sie „84 Charing Cross Road“ lesen möchten; das Buch könnte sie möglicherweise enttäuschen.

Der Briefwechsel, den Helene Hanff dokumentiert, fand übrigens tatsächlich statt. Sowohl die Buchhandlung Marks & Co als auch ihre Angestellten existier(t)en, sodass „84 Charing Cross Road“ auch als Zeitdokument gelesen werden kann. Wer aufmerksam ist, wird bei der Lektüre nämlich bald feststellen, dass Nachkriegszeit nicht gleich Nachkriegszeit ist und die Begriffe „Sieger“ und „Gewinner“ nicht immer gleichbedeutend sind.

 

Das Sequel „The Duchess of Bloomsbury Street“ , das in meiner Ausgabe ebenfalls abgedruckt ist, ist zeitlich etwa drei Jahre nach seinem Vorgänger angesiedelt. Helene, die durch ihren Roman „84 Charing Cross Road“ zu einer kleinen Berühmtheit avanciert ist, reist darin nach London, um die Stadt ihrer Träume zum ersten Mal zu besichtigen und einigen Menschen einen Besuch abzustatten. Aus Gründen, die ich hier nicht verraten kann (ihr wisst schon – Spoilergefahr und so), liest sich das allerdings eher langweilig und unspektakulär. Ein Diner hier, eine Theateraufführung dort und zwischendurch ein bisschen Sightseeing. Mehr ist es nicht, was in diesem Buch steht. Ehrlich nicht! Wäre Helene nicht eine so selbstironische und lustige Erzählerin, hätte ich das Sequel vermutlich sogar abgebrochen.  So aber hielt ich bis zum bitteren Ende durch und habe dennoch keinen Mehrwert, da ich bereits die Hälfte der „Duchess of Bloomsbury Street“ vergessen habe. Schade eigentlich!

 

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Frohe Weihnachten

Ihr Lieben,

ich wünsche euch frohe Weihnachten und besinnliche Stunden im Kreis eurer Familie und Freunde. Genießt das leckere Essen und lasst die Seele baumeln, damit ihr mit voller Kraft ins Jahr 2012 starten könnt.

Eure Jessica

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Medieval Helpdesk

Auch wenn das Video etwas albern ist – ich mag’s. =) Es erinnert mich ein wenig, an meinen ersten Versuch, Jonathan Safran Foers “Tree of Codes” zu lesen. Der war nämlich ähnlich erfolgreich wie Bruder Ansgars Versuch, das Buch zu öffnen…

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Das Kartengeheimnis

Jostein Gaarder: Das Kartengeheimnis

Deutscher Taschenbuch Verlag; 339 Seiten

Klappentext: „Die Geschichte einer dreifachen Reise: einer realen nach Griechenland, einer phantastischen auf die magische Insel und einer gedanklichen in die Philosophie.”

Erster Satz: „Vor sechs Jahren stand ich vor den Ruinen des alten Poseidon-Tempels auf Kap Sounion und blickte auf die Ägäis.”

Und so war’s:
Man nehme:

- ein altkluges Kind, das kurz vor der Pubertät steht (ersatzweise: ein Jugendlicher mit der gleichen Eigenschaft)
- ein (warum auch immer) fehlendes Elternteil
- mysteriöse Briefe und Mitteilungen
- eine Suche/Schnipseljagd, die mit eben diesen Briefen und/oder dem fehlenden Elternteil zusammenhängt
- philosophisches Gesülze über den großen Zufall, der sich unser Leben schimpft

Nun die fünf Zutaten gründlich miteinander verrühren. Den Text kneten und eine Stunde lang kaltstellen. Danach bei 200° backen, bis der Text goldbraun ist. Et voilà! – fertig ist ein Roman im Stil von Jostein Gaarder! Oder besser: Fertig ist meine bisherige Gaarder-Erfahrung.

„Das Kartengeheimnis“ stellt da leider keine Ausnahme dar; sobald ich mir die Details wegdenke, entdecke ich ein ähnliches Konstrukt wie auch schon bei „Sophies Welt“ und „Das Orangenmädchen“. Das altkluge Kind heißt dieses Mal jedoch nicht Sophie sondern Hans-Thomas und es ist auf der Suche nach seiner Mutter Anita, die vor Jahren die Familie verlassen hat, um sich selbst zu finden. Gemeinsam mit seinem Vater, der dem Alkohol sehr zugeneigt ist, möchte Hans-Thomas sie nun zurückholen und fährt dafür quer durch Europa bis nach Griechenland.
Natürlich verläuft diese Reise nicht ganz zwischenfallsfrei! Als die beiden auf Höhe der deutsch-schweizerischen Grenze nach dem Weg fragen müssen, begegnen Hans-Thomas und sein Vater einem merkwürdigen kleinen Männlein mit eiskalten Händen. Der Zwerg spricht nur deutsch. Aber da der Vater als Kind eines deutschen Besatzers auch deutsch beherrscht, kann er übersetzen und erhält nicht nur eine Wegbeschreibung („Der kleine Mann empfahl uns, in einem kleinen Ort namens Dorf zu übernachten.“) sondern auch eine winzige Lupe für Hans-Thomas.

„Nimm die“, piepste er. (Mein Vater übersetzte.) „Ich habe sie vor langer Zeit aus einem alten Stück Glas geschliffen, das ich im Magen eines waidwunden Rehs gefunden habe. Du wirst in Dorf Verwendung dafür finden, o ja, das sag ich dir, Junge. Denn eines steht fest: Sowie ich dich gesehen habe, ging mir auf, daß du auf deiner Reise Verwendung für eine kleine Lupe haben wirst.“ (S.20)

Und was passiert? Na? Richtig!
Der Zwerg behält mit seiner Prophezeiung natürlich recht. In Dorf trifft Hans-Thomas nämlich auf einen alten Bäcker, der ihm vier Rosinenbrötchen schenkt. Das größte von ihnen verbirgt  jedoch etwas Besonderes, ein kleines Buch, dessen Schrift so winzig ist, dass sie nur mit einer Lupe gelesen werden kann… Keine Frage: Hans-Thomas stürzt sich sofort auf das Buch und beginnt es in unbeobachteten Momenten heimlich zu lesen. Sein Vater darf nichts davon erfahren; das hat Hans-Thomas dem Bäcker versprochen. Und während Vater und Sohn Griechenland und der vermissten Mutter immer näher kommen, entspinnt sich vor Hans-Thomas’ innerem Auge die Geschichte des Brötchen-Buches, das, wie er bald erfährt, von „seinem“ Schweizer Bäcker geschrieben wurde.

Zu erklären, wovon das Brötchen-Buch handelt, wäre ein wenig umständlich. Da es eine Geschichte in der Geschichte in der Geschichte ist, kann man das Ganze leider nicht in ein, zwei Sätzen abhandeln, wie ihr mit Sichereit verstehen werdet. Gesagt sei daher nur folgendes: Das Brötchen-Buch führt Hans-Thomas auf eine einsame Insel, die von schillernden Goldfischen, bizarren sechsbeinigen Wesen und zwergenartigen Spielkartenmenschen, die einem großen Fest entgegenfiebern, bevölkert wird. Außerdem erfährt der Junge, was dieses eigentümliche Eiland mit „seiner“ Schweizer Bäckerei und auch ihm selbst zutun hat.

Aber bis Hans-Thomas diesen Punkt erreicht, vergeht sehr, sehr viel Zeit. Ich will fast sagen: zu viel. Die 339 Seiten ziehen sich nämlich wie Kaugummi dahin. Bereits nach der Hälfte des Buches lässt sich wahrscheinlich auch ohne Gaarder-Erfahrung problemlos erraten, wie sich der Plot entwickeln wird. Überraschungen oder unerwartete Wendungen suche ich vergebens und letztendlich endet „Das Kartengeheimnis“ genauso, wie ich es erwartet habe. Dass das nur wenig Spaß macht, muss ich vermutlich nicht extra dazusagen…

Wenig Spaß machen auch Hans-Thomas und sein Vater. Sie sind, um es mit einem Wort zu sagen, hochgradig nervtötend, da sie sich ihrer selbst in einem Maße bewusst sind, dass es nur noch zum Kotzen ist. Immer wieder betonen sie, wie besonders sie doch seien, da sie im Gegensatz zu anderen Menschen ja wüssten, welch großer Zufall es sei, dass sie am Leben sind. Die beiden philosophieren und philosophieren, ohne dabei besonders viel auszusagen. Das hält sie jedoch nicht davon ab, sich etwas auf ihren Intellekt einzubilden. Insbesondere Hans-Thomas scheint immer wieder den Drang zu verspüren, anderen demonstrieren zu müssen, dass er kein kleiner Junge mehr ist. Neunmalklug, wie er ist, belehrt er Erwachsene und weckt in mir ständig den Drang, ihn einmal kräftig durchzuschütteln, damit sein Gehirn endlich dort landet, wo es eigentlich hingehört.
Brechreiz erregender als Hans-Thomas gestaltet sich bloß die Entwicklung seines Vaters. Auf wenigen Seiten verwandelt er sich vom Alkoholiker zum fürsorglichen Ehemann und Familienvater – also, ich weiß ja nicht, wie ihr das seht, aber ich finde, dass der Mann dringend einen Ratgeber schreiben sollte. Die Anonymen Alkoholiker fänden es mit Sicherheit klasse, wenn sie wüssten, wie man „einfach so“ mit dem Trinken aufhört.

Kurzum: Das Buch ist schnarchlangweilig, dumm und nicht weiter lesenswert, vor allem dann, wenn man bereits ein, zwei andere Bücher von Jostein Gaarder gelesen hat. Weil ich meine Zeit durchaus sinnvoller zu nutzen weiß, als zum x-ten Mal dasselbe Buch zu lesen, war das jedenfalls fürs Erste das letzte Machwerk, das ich von diesem Autor gelesen habe. Schade eigentlich!  Mein erster Eindruck von Gaarder war nämlich eigentlich äußerst positiv.

Wegen des Brötchenbuchs gibt’s aber dennoch

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Die wilden Abenteuer des jungen Capt’n Hook

James V. Hart: Die wilden Abenteuer des jungen Capt’n Hook

Rowohlt Taschenbuch Verlag; 352 Seiten

Klappentext: „Der 15-jährige James Hook ist etwas ganz Besonderes: Er sieht besonders gut aus, ist besonders intelligent, stammt aber aus besonders zweifelhaften Familienverhältnissen. Grund genug für den arroganten Arthur Darling, dem neuen Schüler des Eliteinternats Eton das Leben zur Hölle zu machen! Doch Hook lässt sich nicht unterkriegen. Ein unheimlicher Racheplan beginnt in seinem Kopf Gestalt anzunehmen und die Idee zu einer abenteuerlichen Flucht über die Meere, um sein erträumtes Paradies Nimmerland zu finden.“

Der Autor: James V. Hart hat sich in der Vergangenheit vor allem als Drehbuchautor einen Namen gemacht und zeichnet sich unter anderem für die Skripts zu bekannten Filmen wie „Hook“, „Bram Stoker’s Dracula“ oder „The Muppet Treasure Island“ verantwortlich. Das Jugendbuch „Die wilden Abenteuer des jungen Capt’n Hook“ ist sein erster Roman.

Der erste Satz: „Es waren seine Augen.“

So war’s: Eines vorneweg: Etikettenschwindel ist pfui. Immer und ohne wenn und aber. Denn wenn mir ein Autor wilde Abenteuer und Capt’n Hook verspricht, bezahle ich ihn nicht, weil ich gerade lustig bin oder zu viel Geld habe, sondern dafür dass ich genau das lesen möchte. J.V. Hart scheint das jedoch anders zu sehen. Oder aber er hält eine schnarchlangweilige Internatsgeschichte nach Schema F für „wilde Abenteuer“. Keine Ahnung.

„Die wilden Abenteuer des jungen Capt’n Hook“ beginnen jedenfalls betont einfallslos: James Matthew B., Halbwaise und Bastard eines angesehenen Lords, wird dank des Einflusses seines Vaters im Eliteinternat Eton aufgenommen. Als äußerst wohl gehütetes Geheimnis des Lords will sich James zunächst (d.h. während der ersten zwei Seiten) bedeckt geben und hat sogar Bedenken, seinen Nachnamen Preis zu geben. Doch weil scheinbar ohnehin jeder darüber Bescheid weiß, wer sein Vater ist, lässt James die Vorsicht bald fahren und wird rasch ins Zentrum der allgemeinen Aufmerksamkeit katapultiert, indem er sich beispielsweise mit dem berüchtigten Arthur Darling anlegt und sich ihn zum Feind macht.
Abgesehen von seinem Intimfeind findet James außerdem: einen besten Freund, seinen love interest (nicht irgendwer, oh nein!, eine Sultanin!), eine hochintelligente Giftspinne, seine Leidenschaft für Segelschiffe und viele Anhänger unter seinen Mitschülern – und das auf nicht einmal ganz sechzig Seiten.

Die folgenden 260 Seiten können dagegen leider nicht anstinken. Denn auch wenn James im weiteren Verlauf der Handlung sogar ein illegales Sklavenschiff befreit, sind die ersten paar Seiten der spannendste Teil dieses Buches. Das heißt: Man kann sie lesen, ohne nach jedem zweiten Satz gähnen zu müssen. Müsste ich den Spannungsbogen dieses Buches mathematisch beschreiben, so lautete die Gleichung aber dennoch nur f(x)=1 (und das „=1“ ist sogar noch großzügig gewählt).
Eine Menge wenig intelligenter Anspielungen (James Matthew B. ist nur eine davon!) und zahllose Ungereimtheiten zerstören das (nennen wir es der Einfachheit halber einmal) Lesevergnügen dann endgültig, sodass nur noch eine Option sinnvoll erscheint, nämlich das Buch in die Ecke zu werfen und zu vergessen.

Ich habe es wegen James dennoch nicht getan. Zu sehr war ich fasziniert davon, wie der Autor ihn nach und nach zur Überfigur modelliert: Zunächst hat James nur eine eigentümliche Lockenmähne und veilchenblaue Augen, in denen, wenn er zornig war, stechend rote Punkte zu sehen waren. Danach gesellen sich noch gelbes Blut (kein Witz!) und die Fähigkeit mit Spinnen zu reden dazu. Auch lernt James in Windeseile das Segeln und kann, obwohl er lange versteckt bei seiner Tante gelebt hat, wundervoll fechten. Seine Schulnoten sind so (positiv) herausragend wie sein Äußeres und obwohl er fest im Internatsalltag eingebunden ist, hat James noch Zeit eine Mini-Guillotine zu bauen, um sich an Arthur Darling zu rächen.
Ja ja, ihr seht schon: James kann und weiß alles – und das, was er noch nicht beherrscht, lernt er in Windeseile und natürlich schneller als jeder andere. Ich gehe jede Wette ein, dass Hart ihm sogar das Fliegen beigebracht hätte, wenn das irgendwie in die Handlung gepasst hätte…

Einer von James erklärten Lieblingssätzen lautet: „Das hat Stil.“
Ich kann dazu nur sagen: Nö, James. Du nicht.

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Speak

Laurie Halse Anderson: Speak

Puffin Books; 198 Seiten
Deutscher Titel:
Sprich (erschienen bei Beltz & Gelberg)

Klappentext: „Laurie Halse Anderson’s SPEAK is that rare thing: a contemporary classic. Since its initial publication in 1999, it has passed from hand to hand and changed countless  lives. Books such as SPEK will stay with readers forever.“

Erster Satz: „It is my first morning of high school.“

Und so war’s: Für Melinda steht das Wort nicht wie in der Bibel im Anfang. Es steht am Ende. Ein ganzes Schuljahr lang hat die Highschool-Schülerin darüber geschwiegen, was in ihr vorgeht. Doch nun bricht sie endlich ihr Schweigen. „Let me tell you about it“, sagt sie am Ende des Buches zu ihrem Kunstlehrer und wir, die Leser, können „Speak“ nach 198 Seiten Lektüre erleichtert zuklappen. Wir wissen natürlich nicht, ob Melinda es schaffen wird, ihre Probleme zu bewältigen. Der erste Schritt ist nun jedoch getan und nur die Zeit kann zeigen, ob er Melinda von der Einsamkeit, den schlechten Noten und vor allem den schrecklichen Ereignissen des letzten Sommers weg führen wird.

Was hier nach einem versöhnlichen Ende klingt, war für mich allerdings eine Überraschung. Der Schluss fällt zwar nicht gerade vom Himmel, wirkt aber dennoch übereilt, da die Ereignisse, die Melinda dazu bewegen, sich zu öffnen, ausschließlich auf die letzten 40, 50 Seiten verteilt sind. Davor passiert hingegen so gut wie gar nichts. Die Handlung tritt auf der Stelle, weil auch Melinda lange stillsteht. Sie lässt sich wie paralysiert treiben und schaut ohnmächtig dabei zu, wie sich ihr Leben allmählich zum Schlechten wendet. Das mag angesichts dessen, was Melinda zugestoßen ist, auch durchaus authentisch sein. Es eignet sich aber so, wie es hier ausgeführt wird, nicht dazu, ein ganzes Buch zu füllen, schon gar nicht dann, wenn Melinda die meiste Zeit über ihre eigene und zugleich einzige Gegenspielerin ist. Denn selbst vor dem Hintergrund schlechter werdender Noten, die die Eltern und Lehrer auf den Plan rufen müssten, bleibt Melinda weitestgehend allein. Gelegentliche Versuche, zu ihr vorzudringen und ihr Schweigen zu brechen, bleiben folgenlos und perlen letztendlich einfach an Melinda ab.

Dennoch ist „Speak“ ein durchaus lesenswertes Buch. Melinda wuchs mir als Erzählerin sehr schnell ans Herz, da ich als Leser spürte, dass sie trotz der traumatischen Ereignisse das Mädchen von Nebenan geblieben ist. Die Probleme „normaler“ Jugendlicher gehören ebenso zu ihrem Leben wie der Zorn und die Verbitterung über das, was ihr widerfahren ist. Das machte mir Melinda einerseits sympathisch und verhinderte andererseits, dass ich mich auf Grund des hohen Wiedererkennungswertes langweilte.

Auch Melindas lakonische Art, den Highschool-Alltag zu schildern, empfand ich als sehr erfrischend. Denjenigen, die Kinostreifen a la „10 Dinge, die ich an dir hasse“ kennen, wird zwar nichts Neues erzählt, aber der eher untypische Blick auf ein Schuljahr an der Highschool ist meines Erachtens trotzdem recht interessant.

Das Rad wird in „Speak“ natürlich nicht neu erfunden. Vieles lässt sich im Voraus erraten, manches ist stereotyp. Doch wer ein nettes Buch für Zwischendurch sucht und der Introspektion einer Schülerin etwas abgewinnen kann, wird dennoch nicht enttäuscht sein.


Übrigens:
SPEAK ist 2004 mit Kristen Stewart in der Hauptrolle verfilmt worden. Bislang existiert der Film allerdings nur mit englischer und spanischer Tonspur.

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The Uncommon Reader

Alan Bennett: The Uncommon Reader

Faber and Faber Ltd.; 121 Seiten
Deutscher Titel: Die souveräne Leserin (erschienen bei Verlag Klaus Wagenbach)

Klappentext: „Led by her yapping corgis to the Westminster travelling library outside Buckingham Palace, the Queen finds herself taking out a novel by Ivy Compton-Burnett. Duff read though it is, the following week her choice proves more enjoyabe and awakens a passion for reading so great that her public duties begin to suffer. And so, as she devours work by everyone from Hardy to Brookner to Proust to Beckett, her equerries conspire to bring the Queen’s literary odyssey to a close.”

Erster Satz: „At Windsor it was the evening of the state banquet and as the president of France took his place beside Her Majesty, the royal family formed up behind and the procession slowly moved off and through Waterloo Chamber.” (S.3)

Und so war’s: „The Queen hesitated […]. She’d never taken much interest in reading. She read, of course, as one did, but liking books was something she left to other people. It was a hobby and it was in the nature of her job that she didn’t have hobbies. […] Hobbies involved preferences and preferences had to be avoided; preferences excluded people. […] Her job was to take an interest, not to be interested herself. And besides, reading wasn’t doing. She was a doer.” (S.6)

Und dennoch – obwohl all das dagegen spricht, beginnt die Queen eines Tages zu Büchern zu greifen – wenn auch zunächst nur der Höflichkeit wegen. Aber ihr wisst ja mit Sicherheit, wie das ist: Ein Buch führt zum nächsten und am Ende kann man einfach nicht mehr aufhören zu lesen. Nicht einmal von königlichem Geblüt zu sein schützt einen davor und so gerät die Queen zunehmend in den Bann der Literatur.
Gemeinsam mit ihrem „amanuensis“ Norman, den sie auf Grund seiner Liebe zur Literatur vom Küchenjungen zu ihrem persönlichen „literary assistent“ befördert hat, entdeckt sie nun nach und nach die Welt der Bücher. Während die Queen anfangs vor allem die Werke homosexueller Autoren liest (Norman hat eine kleine Schwäche für diese Herren), tastet sie sich später immer weiter vor. Keinen Autor, kein Genre verschmäht sie.1 Namen und Büchertitel fallen beinahe im Akkord und ich als Leser beginne mich dadurch schon bald zu fragen, wer oder was sich eigentlich dahinter verbirgt. Sogar Autoren, deren Bücher ich zuvor nicht einmal mit einer Kneifzange angefasst hätte, erscheinen mir plötzlich beinahe lesenswert und ich erlebe mehr oder weniger das, was auch die Queen erfährt. Ein Buch führt zum nächsten – aber das schrieb ich ja bereits.

Die Queen verschlingt jedenfalls ein Buch nach dem anderen. Sie macht sich Notizen und versucht jeden, der ihr über den Weg läuft, in Gespräche über Literatur zu verwickeln. Der Erfolg ihrer Bemühungen ist allerdings eher mäßig, da die meisten Menschen, die sie anspricht, absolute Lesemuffel sind und sich von ihren Fragen eher bloßgestellt fühlen.
Aber auch ihr Privatsekretär Sir Kevin, ihre Hunde oder der Premierminister stören sich an der neuen Vorliebe der Queen und versuchen sie bei jeder Gelegenheit zu unterbinden, indem sie z.B. auf einer Auslandsreise das Gepäckstück mit den Büchern darin verschwinden lassen. Als nichts fruchten will, entlässt Sir Kevin sogar Norman (natürlich ohne die Queen über die Gründe aufzuklären), nachdem es ihm ein Berater des Premierministers „angeraten“ hat. Doch nichts! Das Ergebnis dieses Schritts ist lediglich Folgendes:

„[…] she missed him [Norman], there was no doubt. But no letter came, no note, and there was nothing for it but grimly to go on. It wouldn’t put a stop to her reading.“ (S. 70)

Die Queen spürt jedoch mindestens ebenso sehr wie ihr Privatsekretär oder Prinz Philip, dass das Lesen sie verändert hat. Lebte sie früher noch ausschließlich für ihr Amt, sehnt sie sich nun während der Erfüllung ihrer Pflichten danach, sich wieder zurückzuziehen und zu lesen. Zudem ist sie feinfühliger und aufmerksamer geworden, da die Königin mit Hilfe der Literatur gelernt hat, sich vorzustellen, in der Haut eines anderen zu stecken. Ein Abschnitt auf Seite 101, der mir besonders gut gefallen hat, fasst ihre Entwicklung meines Erachtens sehr treffend zusammen:

„Had she been asked if reading had enriched her life she would have had to say yes, undoubtedly, though adding with equal certainty that it had at the same time drained her life of all purpose. Once she had been a self-assured single-minded woman knowing where her duty lay and intent on doing it as long as she was able. Now all too often she was in two minds. Reading was not doing, that had always been the trouble. And old though she was she was still a doer. She […] reached for her notebook and wrote: You don’t put your life into your books. You find it there.“ (S.101f.)

Auf mich treffen die letzten beiden Sätze zwar nur bedingt zu, aber dennoch kommt mir die Entwicklung der Queen als Leserin sehr bekannt vor. Sie erinnert mich ein wenig an meine eigene, nachdem ich nach jahrelanger Pause wieder anfing, zu Büchern zu greifen. Manche Sätze verführen mich daher beinahe dazu, sie mit einem Textmarker farbig zu unterlegen. Da das Exemplar, das ich lese, der Stadtbibliothek Mannheim gehört, darf ich es aber nicht und werde sie mir bei Gelegenheit (lies: nach der Vorlesungszeit) vielleicht herausschreiben. Mal sehen.

Was mir an Alan Bennetts „The Uncommon Reader“ außerdem sehr gefällt, ist, dass alles mit einem Augenzwinkern erzählt wird. Wenn der auktoriale Erzähler berichtet, dass die Corgis der Queen die Bücher klauen und in den Gärten zerfetzen, dann wirkt das beinahe wie die Szene aus einer stinknormalen Familie, wäre da nicht das weibliche Familienoberhaupt, das sich ein wenig gestelzt ausdrückt (z.B. „One has never seen you here before, Mr…“, S.5). Auch die absurd anmutenden Versuche von Sir Kevin, die Queen vom Lesen abzubringen bzw. ihr Hobby mit ihrem Amt als Königin zu vereinen, entlockten mir während Lesen oft ein Lächeln. Ob so wohl die Palastintrige des 21. Jahrhunderts aussieht, fragte ich mich ein ums andere Mal und las geschwind weiter, nur um zu erfahren, was sich der pflichtbewusste Privatsekretär als nächstes einfallen lässt.

Als ich nach 121 kurzweiligen Seiten schließlich am Ende angelangt war, erwartete mich ein – man kann es nicht anders sagen – äußerst überraschender Schluss. Ich bin eigentlich jemand, der gut darin ist, zu erraten, wie ein Buch ausgeht. Doch mit dieser Wendung habe selbst ich nicht gerechnet, was ich jedoch selbst zwei Tage später noch total großartig finde. Ich werde einfach gerne von Autoren überrascht! Aber auch dass das Ende offen bleibt, verdient meiner Meinung nach ein großes Lob, da viele Autoren mittlerweile leider dazu neigen, das Schicksal ihrer Protagonisten quasi bis ins Grab hinein zu schildern. Mir stellen sich daher jedes Mal die Nackenhaare auf, wenn ich irgendwo das Wörtchen „Epilog“ entdecke…

Dennoch erhält „The Uncommon Reader“ von mir nicht die volle Punktzahl. Ich kann nicht erklären, wieso, aber ich hatte, während ich die Novelle las, stets das Gefühl, dass ich sie bald wieder vergessen würde. Die Art, wie sie geschrieben ist, gefällt mir, keine Frage, aber angesprochen hat sie mich nicht. Ich stehe dem Buch heute, zwei Tage später, völlig gleichgültig gegenüber und weiß mit Sicherheit, dass ich es mir weder kaufen noch ein zweites Mal zu Gemüte führen werde.
Daher gibt’s von mir nur:


1
Nur die Fantasy-Literatur bleibt außen vor, weil Ihre Majestät einfach keine Zeit hat, um sich damit auseinanderzusetzen.

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The Lace Reader

Brunonia Barry: The Lace Reader
Harper Collins Publishers; 390 Seiten
Deutscher Titel:
Die Mondschwimmerin (erschienen bei btb)

Klappentext: „Towner Whitney hails from a family of Salem women who can read the future in the patterns in lace. But sometimes this gift is more like a curse – when Towner was just fifteen she predicted, and witnessed, something so horrific that she fled Salem, and swore she would never return.
And when her beloved Aunt Eva disappears, Towner feels the ties of family calling her back. In the sickly shadows and whispered half-memories of her home town, the ghosts of her fractured past are forced to light. And with them comes the threat of terrifying new disaster…”

Erster Satz: „My name is Towner Whitney.“

Und so war’s: Weil ihre geliebte Großtante Eva spurlos verschwinden ist, kehrt Towner Whitney in ihre Heimatstadt zurück. Seit dem Suizid ihrer Zwillingsschwester Lindley hat Towner Salem nicht mehr betreten und auch jetzt, 15 Jahre nach der Tragödie, fällt ihr die Heimkehr äußerst schwer. Körperlich geschwächt von den Nachwehen einer Gebärmutter-Entfernung sieht sie sich nun zusätzlich mit den Erinnerungen an ihre Kindheit und Jugend konfrontiert, die Towner trotz Elektroschocktherapie immer noch verfolgen und manchmal auch quälen.

Dennoch harrt sie aus und wartet auf Neuigkeiten von Eva, nur um letztendlich jene Nachricht zu erhalten, die sie die ganze Zeit über gefürchtet hat: Eva ist tot. Die Polizei fand ihren toten Körper, ertrunken draußen im Meer – und das obwohl sie doch immer so gut schwimmen konnte. Da die Obduktion jedoch keine Hinweise auf Fremdverschulden entdeckt, trägt die Familie Eva bald zu Grabe und beginnt danach, den Nachlass zu ordnen. Towner erbt so das große Haus ihrer Großtante, beschließt aber sofort es zu verkaufen und so bald wie möglich nach Kalifornien in ihr selbst gewähltes Exil zurückzukehren. Nach Evas Tod hält sie nichts mehr in jener Stadt, die für Towner mit so viel Schrecklichem verbunden ist.

Doch dann geschieht etwas Unerwartetes: Eine weitere Frau wird in Salem vermisst gemeldet – und plötzlich erscheint es gar nicht mehr so sicher, ob Evas Tod tatsächlich bloß ein Badeunfall gewesen ist. Denn der Mann, dem das Verschwinden jener Frau angelastet wird, hat in der Familie Whitney vor Jahren tiefe Narben hinterlassen und mit Eva daher mehr als nur eine Rechnung offen…

Während die Polizei verzweifelt nach der Vermissten sucht, beginnt für Towner eine aufrüttelnde Reise in die Vergangenheit ihrer Familie, die am Ende ihr ganzes Selbst in Frage stellen wird…

Aber es gibt noch jemanden, der etwas in Frage gestellt hat: nämlich ich. Das Schreiben der Inhaltsangabe erwies sich als so verzwickt, dass ich mehr als einmal an meiner Fähigkeiten zu schreiben gezweifelt habe. Selbst den vierten (oder war’s doch der fünfte?!) Versuch, den ihr hier lesen könnt, kann ich bestenfalls als Kompromiss bezeichnen, da er nur einen Bruchteil der Motive erwähnt, die im „Lace Reader“ eine Rolle spielen. Die Wahrsagerei, Salem und seine Vermarktung als Schauplatz der Hexen-Prozesse oder die häusliche Gewalt sind nur drei von vielen interessanten Themenkomplexen, die ich, um die Geschichte hier nicht vollständig nachzuerzählen, leider habe unter den Tisch fallen lassen müssen.
Ärgerlicherweise bin ich jedoch die einzige, die sich mit der Vielzahl an Motiven überfordert sah. Denn auch der Autorin scheint sie langsam über den Kopf gewachsen zu sein. So wird – um nur eines von vielen Beispielen zu nennen – ausgerechnet das Namen gebende Zukunftslesen aus geklöppelter Spitze schwer vernachlässigt. Die Auszüge aus „The Lace Reader’s Guide“, ein von Eva geschriebenes Buch, stehen zwar zu Anfang eines jeden Kapitals, aber abgesehen davon hat das Wahrsagen nur wenig bis gar nichts mit der Handlung zu tun. Oder besser: Es motiviert gewisse Teile der Geschichte, ohne sich gleichzeitig harmonisch in diese einzufügen. Das Lesen von Spitze wirkt so stets seltsam deplaziert und geht neben gewichtigeren Themen schlichtweg unter, da es zum einen weniger vertreten ist und natürlich auch nicht deren Dramatik aufweist.

Ich kann mir daher nicht ganz erklären, wieso die Autorin dennoch auf die Klöppelspitzen-Kiste bestanden hat. Das Buch ist nämlich vor allem eines: eine Familiengeschichte. Und obendrein nicht einmal eine besonders schlechte, wenn man sich den ganzen unnötigen und verwirrenden Schnickschnack wegdenkt. Zu verdanken ist das vor allem der weitestgehend ordentlichen Charakterisierung. Während Brunonia Barry die Ich-Erzählerin Towner (aus gutem Grund) recht unscharf zeichnet und nur wenig von ihrem Wesen preisgibt, gelingt es ihr anderswo, durch nur wenige Zeichen eine interessante und runde Persönlichkeit zu kreieren. Beeindruckt hat mich vor allem Towners Mutter May, eine lebenskluge und zugleich eigenwillige Amazone, die sich nicht um Konventionen schert, sie aber auch nicht einfach um der Rebellion Willen ignoriert. Sie geht den Weg, den sie gewählt hat, ganz gleich, ob andere darauf mit Unverständnis reagieren oder sich von ihr abwenden.

Doch leider gehen auch gelungene Figuren wie May früher oder später zwangsläufig unter. Denn obwohl die Vergangenheit der Familie Whitney im Vordergrund steht, pendelt die Handlung allzu häufig unentschlossen zwischen Familienepos, Krimi, Liebesgeschichte und Esoterik-Schmoo hin und her. Genres miteinander zu kombinieren ist nun natürlich nichts prinzipiell Schlechtes. Verknüpft ein Autor die Genres aber gar nicht oder nur sehr lose miteinander, entsteht – wie auch bei Barrys „The Lace Reader“ – der Eindruck, dass man zwei verschiedene Geschichten auf einmal verfolgt und die Charaktere nur zufällig die gleichen sind. So steht beispielsweise die kleine Liebelei zwischen Towner und dem Polizisten Rafferty relativ zusammenhanglos neben der Familiengeschichte der Whitneys. Das einzige Bindeglied ist hier Großtante Eva, deren Verschwinden zufällig von Rafferty untersucht worden ist und die für ihn seit seinem Zuzug die einzig echte Kontaktperson gewesen ist. Und das war’s eigentlich auch schon. Die Bedeutung der Liebesgeschichte für den Plot tendiert zudem gegen Null Komma Null Null Gar Nicht Vorhanden, was schade ist, da sie meines Erachtens nicht übel geschrieben ist.

Wirklich schlecht geschrieben ist nur eines: der Schluss. Das Ende ist nämlich beinahe so doof wie diese Sorry-alles-nur-geträumt-Nummern, die sich eigentlich nur noch in miesen Fanfiction finden lassen. Denn ich habe im gesamten Buch nichts Handfestes gefunden, was auf diese Auflösung hindeutet. Sie fällt gewissermaßen urplötzlich vom Himmel und schreit „Schaut her! Ich bin originell!“ Und das stimmt eigentlich auch, also das mit der Originalität. Mich hätte es allerdings gefreut, wenn mich die Autorin Stück für Stück an dieses Ende herangeführt und es mir nicht auf, sagen wir einmal, zehn Seiten um die Ohren gehauen hätte. Meine Verwirrung wäre dann vermutlich ein wenig geringer ausgefallen. Aber man kann ja bekanntlich nicht alles haben, nicht wahr?

Alles in allem war „The Lace Reader“ ein eher durchwachsener Start ins neue Lesejahr! Die Charakterisierung vermochte zwar manches wettzumachen, aber letztendlich überwog leider das Negative, weshalb das Buch keinen festen Platz in meinem Regal erhalten wird.

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Menschenrauch

Nicholson Baker: Menschenrauch.
Wie der Zweite Weltkrieg begann und die Zivilisation endete.

Rowohlt; 522 Seiten (+125 Seiten Quellen u.Ä.)

Klappentext: „War der Zweite Weltkrieg der „gerechte” Krieg gegen Hitler? Waren Churchill und Roosevelt die Lichtgestalten, welche die abendländische Zivilisation retteten?
Um das herauszufinden oder doch einer Antwort wenigstens näher zu kommen, benutzt Nicholson Baker ein verblüffendes Mittel. Er „setzt aus historischen Nachrichten, Anekdoten und Kommentaren eine eindrucksvolle Textcollage zusammen, die überkommene Gewissheiten über den Krieg erschüttert” (Der Spiegel). Der Antwort meldet sich nicht zu Wort, er vertraut auf die Wirkung der zitierten Texte aaus Tageszeitungen, Politikerreden, Tagebüchern, Briefen. Herausgekommen ist „eine subjektive Chronik mit hohem Wahrheitsanspruch” (Süddeutsche Zeitung), die belegt, dass ein Vernichtungskrieg vermeidbar gewesen wäre. Bakers Buch ist ein flammendes Plädoyer für den Pazifismus und für den Erhalt der Menschlichkeit auch in schwierigen Zeiten.”

Und so war’s: Wie schreibe ich über ein Buch, dessen Aussagekraft ich aufgrund meiner eigenen Unkenntnis nicht einschätzen kann?

Diese Frage treibt mich um, seitdem ich Bakers „Menschenrauch“ gelesen habe. Ich würde eigentlich sehr gerne sagen, dass mir das Buch gefallen hat. Denn das hat es zweifelsohne. Wie der Erzähler die Zitate verschiedener Menschen aus Europa, Amerika und Asien aneinanderreiht, um den Auftakt des Zweiten Weltkriegs zu rekonstruieren, ist gekonnt und die Auszüge sind – obwohl in Teilen altbekannt – sehr spannend. Zitate von Politikern, Zivilisten und Journalisten fügen sich in „Menschenrauch“ nahtlos aneinander und werden von Baker zu einzelnen Erzählfäden gesponnen, bevor sie schließlich in einem einzigen Knoten zusammengeführt werden: dem Kriegseintritt der USA am 8. Dezember 1941.

Die Collage, die auf diese Weise entsteht, kennt weder gute noch schlechte Kriegsteilnehmer. Obwohl die Alliierten in Medien häufig als strahlende Sieger dargestellt werden, sind sie in „Menschenrauch“ keineswegs als solche auszumachen. Getrieben von macht- und wirtschaftspolitischen Interessen suchen sie die Konfrontation mit dem Nazi-Regime, das, auf seine eigenen Ansprüche pochend, keinen Meter zurückweicht. Dass es schließlich zum Zusammenprall kommt, erscheint in Bakers „Menschenrauch“ bereits früh unausweichlich, ein Eindruck, der vermutlich der geschickten Anordnung passender Zitate und der clever eingesetzten Erzählerstimme zu verdanken ist.
Die einzigen, denen der Erzähler auf diese Weise ein gutes Zeugnis ausstellt, sind die Pazifisten. Sie machen sich – den Zitaten nach zu schließen – die Methoden des gewaltlosen Widerstands zueigen und versuchen so, den drohenden Krieg aufzuhalten. Der bedingungslose Idealismus, den die Pazifisten dabei an den Tag legen, beeindruckt durch tiefe Menschlichkeit und die scheinbare Folgerichtigkeit dieser Überzeugung, sodass Roosevelt und Churchill wenn nicht wie Unmenschen, so doch zumindest wie Opportunisten und – in Churchills Fall – gnadenlose Machtpolitiker erscheinen.

Die Frage, die sich einem jedoch stellen sollte, ist, ob diese Beurteilung tatsächlich angemessen ist oder ob die Zitate tendenziös ausgewählt worden sind, um beim Leser einen bestimmten Eindruck zu erwecken. Welche der beiden Optionen zutrifft, kann und will ich aber nicht beurteilen; mir fehlen hierzu schlichtweg die notwendigen Kenntnisse. Es versteht sich natürlich von selbst, dass einer Auswahl immer ein gewisser Trend zugrunde liegen wird. Nichts desto trotz möchte ich als Leser nur ungern manipuliert werden – schon gar nicht dann wenn es um dieses hochsensible Thema geht.
Daher bleibt mir nur zu sagen, dass meine Beurteilung von „Menschenrauch“ mit der Realitätsnähe der Auswahl steht und fällt. Eine interessante Lektüre war es aber in jedem Fall.

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